Mit diesem Beitrag handelt es sich wahrscheinlich um den letzten des Projekts Reis mit Scheiß. Der Reis ist fertig, es wird nicht mehr gekocht, es ist vorbei. Erst jetzt, einige Wochen später komme ich dazu, meine Gedanken zu sortieren und diese Geschichte aufzuschreiben.

Als meine Augen das erste Morgenlicht im stickigen Hostelzimmer im Süden Nicaraguas erblicken, sehe ich verschlafen mein Telefon in der Zimmerecke blinken. Klar, ich habe Urlaub, also eigentlich mal den ganzen Kram in der Ecke verschwinden lassen und das Blinken ignorieren.
Aber wegen der aktuellen Unruhen in Nicaragua lese ich auch heute wieder E-Mails, Nachrichten, Informationen der Botschaft und schreibe mit meinen Freunden in Léon.

Seit nun fast vier Wochen unterdrückt die Regierung unter Daniel Ortega und seiner Frau und Vizepräsidentin Rosario Murillo Anti-Regierungsproteste und deren Gruppen.

Eigentlich hatte sich die Situation nach schweren Ausschreitungen mit über 60 Toten (vor allem auf Seiten der Regierungsgegner), vielen Verletzten und einer Untersuchungskommission der Zentralamerikanischen Menschenrechtsorganisation wieder etwas beruhigt. Mit hochrangigen Kirchenvertretern, Wirtschaftsverbänden, Vertretern der Studierendenbewegung und weiteren wurde ein Nationaldialog einberufen, dem zunächst auch Ortega und seine Frau persönlich beiwohnten, um wieder Frieden und Stabilität herzustellen.

Als bei jenem Dialog aber nichts herauskam und in den folgenden Nächten wieder Studierende von Polizei und Milizen der Regierung zum Teil mit Schusswaffen angegriffen wurden, werden im ganzen Land Straßenblockaden von Demonstranten errichtet und ein Generalstreik angekündigt, um die Regierung weiter unter Druck zu setzen.
Das schränkt dann auch die Urlaubspläne von mir und zweier Freund*innen ein, die mich gerade besuchen. So müssen wir das ein oder andere mal wegen gewalttätigen Ausschreitungen zwischen Milizen, Polizei und Demonstranten spontan ausweichen oder unsere Pläne ändern.

Die Wochen zuvor haben mich gezeichnet. (Macht-)Demonstrationen, drei Umzüge (zwei davon zu meiner eigenen Sicherheit), ständig ein gepackter Notfallrucksack in der Zimmerecke, falls ich meinen Wohnort neben einer Parteieinrichtung in Léon schnell verlassen muss und mysteriöse Behördenbesuche und Anrufe in meinem Umfeld, haben das Leben in Nicaragua nicht gerade entspannt gemacht.

Und obwohl ein Teil meines Humors, Sarkasmus und meiner Tiefenentspanntheit auf der Strecke geblieben ist, hilft genau die Ernsthaftigkeit nun einen kühlen Kopf zu bewahren.

Weil wir nicht viele andere Möglichkeiten haben, sitzen wir ein paar Tage im Partytouriort San Juan del Sur fest, der zwar sicher, aber wie ausgestorben ist.

Als ich dann mein Telefon in die Hand nehme, muss ich die Nachricht zweimal lesen. Mein Freiwilligendienst wird vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und dem Krisenreferat des Auswärtigen Amtes abgebrochen. Wir verbliebene Freiwillige werden zurückgeholt und müssen schnellstmöglich aus Nicaragua zurück reisen. Krisenskypekonferenz mit meiner Organisation aus Hamburg jetzt!

Schon Wochen vorher wurde uns wegen der Situation die Möglichkeit gegeben, auf eigenen Wunsch nach Deutschland zurückzukehren und den Freiwilligendienst vorzeitig zu beenden. Ich wollte nicht. Weder aus Sicherheitsgründen war mir unwohl noch wollte ich meine Freunde, meine Projekte auf der Arbeit, meine Kollegen einfach so zurücklassen. Jetzt werde ich gezwungen, von jetzt auf gleich.

Weil eine Rückkehr nach Léon wegen der Straßenblockaden und Streiks unmöglich ist, muss ich nach Süden gehen. Ohne mich von Freunden, Kollegen und Léon zu verabschieden. Ohne meine Sachen in Léon mitnehmen zu können.
Und so stehe ich am nächsten Mittag, am 18. Mai 2018 – genau sieben Monate nach meiner Einreise – im Niemandsland an der Grenze zu Costa Rica und blicke fast mit Tränen in den Augen auf Nicaragua zurück. Es fällt mir sehr schwer zu begreifen, dass nun alles vorbei ist. So viele tolle Menschen, so viele tolle Momente. Einfach weg. Unvorbereitet.

Mit meinem Besuch reise ich nun noch weiter durch Costa Rica und Panama bis wir dann am 10. Juni abends in Nürnberg landen. Die Reise mit Freunden tut mir gut. Ich kann mich gut ablenken und gut über die ganze Scheiße, die passiert ist reden.

An dich liebe*r Leser*in möchte ich appellieren, deine Aufmerksamkeit den Menschen in Nicaragua zu schenken. Leider berichten die europäischen Medien nur sehr spärlich über Nicaragua und lassen in meinen Augen wichtige Details weg. Eine breite Öffentlichkeit schützt die Menschen in Nicaragua vor politischer Verfolgung und Repression durch die Regierung.
Hierzu möchte ich gerne einen aktuellen Artikel aus der taz-Tageszeitung teilen. Den Link füge ich unten an.

Bei meinen Freunden in Nicaragua, die nicht einfach das Land verlassen können, möchte ich mich bedanken. Danke für die schöne Zeit!

Passt auf euch auf! Gebt nicht auf!

Para mi amigos en Nicaragua:

Gracias por todos!
Cuidado!
Que se rinda la madre de Ortega!
Murillo, los arboles de tuyo son lindissimo si se quedan.
Viva Nicaragua libre!

Nos vemos en Nicaragua!

 

Link zum Blogeeintrag der taz:

http://blogs.taz.de/latinorama/2018/06/01/kein-alptraum-sondern-wirklichkeit/

Protestsong Plomo Plomo (Blei, Blei) der die Regierung und deren Gewalt gegenüber Demonstranten thematisiert: